Willkommen im alten Zerbst

Zerbst 1949 - 1000 Jahre

1000 Jahre Zerbst 1949 - Impressionen vom großen Umzug durch die Stadt


Willkommen

im 1000jährigen Zerbst

1000 Jahre Zerbst

Und Klio nahm den Griffel in die Hand
und schrieb ins Buch den Namen unserer Stadt
Der Weltenschöpfer aber stieß den Pflug ins Land
und rief: „Wer eine tapf’re Seele hat,
der schaffe mit und werk’ mit Faust und Geist,
bis sich das Glück dem Mutigen erweist!“

So wurde Zerbst. Und in den 1000 Jahren
hat unsere Stadt die Feinde, den Gefahren,
den Neidern trutzig Halt geboten.
Wohl sanken viele in das Reich der Toten,
als Pest und Hass und wilder Kriege Sturm
umbrandeten den alten Niklas-Turm.

Und Zerbst hielt stand, denn seiner Bürger Ehre
waren unantastbar wie des Rolands Wehre.
Doch wagte gar der Spott sich zu erdreisten:
„He, Zerbster Schuster, bleib bei deinen Leisten
und denk’ nicht, dass du etwas Besseres seist!“,
dann loderte der sonst so friedensfrohe Geist
der Zerbster auf wie Flammen heiß und wild,
er wies auf Butterjungfers güldenes Bild
und rief: „Wie sie den Stolz der Herren brach,
so werden wir auch jedes Ungemach
zu brechen wissen, wenn’s geschehen soll,
wir dulden niemals ungerechten Zoll!“

Und Zerbst ward fest. Der Mauern starker Schutz
bot selbst dem Kaiser unerschrocken Trutz.
Als es um Luthers reine Lehre ging,
da pochte mit dem prächtigen Siegelring
Claus Cramer auf das alte, heilige Buch:
„Ich schwöre es bei Bann und Acht und Fluch,
wir werden niemals unseren Nacken beugen
vor Mächten, die nur Lügen zeugen!“

Und Zerbst ward stark. Es fügte voller Stolz
aus Quadersteinen und aus Eichenholz
den wuchtigen Mauern wuchtige Türme ein.
Da leuchtete der Freiheit Frührotschein
um all die Bauten, die den Marktplatz krönten,
und selbst den Fürsten mit der Stadt versöhnten.

Und Zerbst ward groß. Ins weite Russenland
ward Fiekchen als Prinzessin einst gesandt,
bis sie dann nach der echten Zerbster Art
als Katharina Russlands Zarin ward.

Und Zerbst ward schön. Die Pracht der alten Bauten,
auf die voll Ehrfurcht auch die Enkel schauten,
lud manchen Menschen aus des Alltags Hast
zu ernster Einkehr und zu stiller Rast.
Wenn Rotdorn und wenn Flieder blühten,
wenn rote Rosen in dem Park verglühten,
wenn im Poetengang die Nachtigall
ihr Klaglied sang, dass in dem Widerhall
das Menschenherz verhalten, froh erbebte,
weil seine Sehnsucht höhenwärts entschwebte,
dann hielt ein Ahnen die Natur umfangen,
als müsste einst der alten Schönheit Prangen
vor jähem Sturmwind jä vergehn
ohn’ stilles Hoffen auf ein Auferstehn.

Und Zerbst zerfiel. Am hellen lichten Tag
traf es des Krieges unbarmherziger Schlag,
und ein jahrtausend sank in düstren Tod,
wild über Trümmern hockten Leid und Not.
Die Stadt zerbrach, doch nicht der Zerbster Geist,
der aus der Asche noch den Hammer reißt
und aus den Trümmern schlägt den guten Stein.
Den Tapf’ren lässt das Schicksal nicht allein!

Und Zerbst wird neu. Schon regt sich rings im Land
zu neuem Bauen werkfroh Hand um Hand.
Die Stadt, die tausend Jahre lang
so mutig stand in harter Zeiten Sang,
sie konnte wohl zerfallen und vergeh’n,
doch nur, um mit der neuen Zeit neu zu ersteh’n.

Und Klio nimmt den Griffel in die Hand
und schreibt den Namen unsrer Stadt ins Buch:
„Ward auch das alte Zerbst verbrannt,
der alte Geist verbannt des Hasses Fluch!“
Und Zerbst wird neu! Es komme, was da mag!
Und Zerbst wird neu! Laut dröhnt der Hammer
Schlag!

Arnold Scholaster, aus Anlass der 1000 Jahrfeier im Jahre 1949.