Willkommen im alten Zerbst

Volksstimme vom 17. März 2006

Helmut Hehne (stehend)

konnte zu seinem ausverkauften "Kneipenbummel" in der Kreissparkasse auch Bürgermeister Helmut Behrendt und dessen Stellvertreter Wolfgang Arndt begrüßen. Fotos (2): Antje Rohm

Volksstimme vom 17. März 2006

Helmut Hehne und Kreisvolkshochschule luden zu einem spannenden " Kneipenbummel "
… war jedes 15. Haus in Zerbst ein Gast- oder Wirtshaus
Von Antje Rohm

Helmut Hehne ist ein Garant für volle Säle. Waren es im vergangenen Jahr die sehr persönlichen Erinnerungen des Zerbster Hobbyhistorikers zum 16. April, die das interessierte Publikum anzogen, so lockte er am Mittwochabend mit einem " Kneipenbummel " durchs alte Zerbst. Mit dem Ergebnis eines vollends ausverkauften Vortragsraumes in der Kreissparkasse.

Zerbst. Der Saal hätte doppelt so groß sein können, wäre es nach der Nachfrage bei der veranstaltenden Kreisvolkshochschule gegangen. In deren Namen begrüßte Leiterin Cordula Bergt am Mittwochabend die vor allem, aber bei weitem nicht nur älteren Zerbster.

" Gemeinsam wollen wir einen Kneipenbummel durch das alte Zerbst machen ", lud Helmut Hehne ein. Ein sehr interessanter, auch sehr heiterer Streifzug sollte es werden. Einer, bei dem der Vortragende oft im Dialog war mit dem sich selbst noch an vieles erinnernden Publikum. Aber ein multivisionales Erlebnis war es auch, dem eine akribische Sammel- und Aufarbeitungsarbeit vorausgegangen und die hervorzuheben ist.

Die seit 1375 bekannte Innung der Brauer und Brauknechte war eine der ältesten in Zerbst. Als Carl Emil Franzos 1901 seinen bekannten Reisebericht schrieb, war " jedes 15. Haus in Zerbst ein Gast- oder Wirtshaus ", so Helmut Hehne einleitend.

Später wird eine Aufstellung belegen, das manche der zahlreichen Wirtschaften und Gasthäuser nur ein paar Wochen bestanden, während andere Jahre und, nimmt man das " Gildehaus ", gar Jahrhunderte überdauerten.

Viele fielen auch den Zerstörungen am 16. April 1945 zum Opfer. Auch dies ließ Helmut Hehne nicht außen vor, hinzuweisen darauf und auf die Toten, die es in diesen Häusern zu beklagen gab.

Anzeigen und Speisekarten, Fotografien und Postkarten, Statistiken und Etiketten – ganz Vielseitiges konnte der Heimatforscher präsentieren.

Da waren die Gasthöfe-Anzeigen im Turnerprogramm von 1927. Da gab es die Biertrinkerurkunde als Beleg des Gasthausbesuches und Bittenbiergenusses. Die Mannschaft der Dampfbrauerei Carl Pfannenberg zeigt ein Foto von 1912. Beim Blick auf das Haus " Zur Goldenen Kugel " in der Breiten Straße wissen Helmut Hehne und seine Gäste auch, welche Gebäude noch erhalten sind heute. Aus der Ribeck-Pfannenberg-Brauerei gibt es eine " Arbeitsschutzbelehrung " aus dem Jahr 1934. Tanzmusik, Konzerte … – überall war etwas los in den Wirtschaften in Zerbst und der Umgebung, wie die Werbung in der Extrapost von 1930 verrät. An seine Zeit als Wirtschaftsförderer der Zerbster Stadtverwaltung erinnerte sich Helmut Hehne angesichts eines Fotos aus dem alten " v. Rephuns Garten ". Die Neuvermarktung nahm mit einem " Einstieg " per Leiter ihren Anfang …

Heiteres, Aufzeichnungen, die etwa in Carl Hoedes " Urwüchsigen Gestalten und Geschichten " über Zerbst stehen, Schnorren wie die des wohl schrulligskurrilen Bäckermeisters Otto Bleich würzten den Vortrag aufs Köstlichste.

Und immer wieder gab es interessante Bilder, Wissenswertes auch. Vom " Goldenen Anger ", in dem der größte Saal von Zerbst war. Von Familien- oder Straßennamen, die dem Bier, dem Brauen verbunden sind oder waren. Von Zerbster Kneipenbezeichnungen wie " Pressluftschuppen " fürs Schützenhaus. Vom " Gasthaus zum Rautenkranz " auf dem Fischmarkt, das 1920 als Besonderheit mit elektrischem Licht warb. In Zusammenarbeit mit Feuerwehrhistoriker Günter Röhrs konnte Helmut Hehne auch auf Brände in Gasthäusern zwischen 1873 und 1969 verweisen.

Buschmühle, Friedrichsholz, Schützenhaus, Am Teufelsstein – Gastwirtschaften, die in der jüngeren Vergangenheit teils unverständlicher Weise aus dem Stadtbild verschwanden.

Zu Spitzenzeiten, 1932 war das, zählte Zerbst 132 Gasthäuser und Wirtschaften. Heute gibt es 40 Restaurants, 29 Imbisse, fünf Kantinen, eine Spielhalle, fünf Eisläden, einen Busausschank …

Bevor es zu den Erzeugnissen des VEB Brauhaus Zerbst und zu den Likörtraditionen von Emil Petzold, Otto Schmidt und unter anderem der Frage ging, warum es " Kakao mit Nuss " nicht mehr gibt, konnten sich die Gäste in einer Pause mit den regionalen Erzeugnissen des " Kiekinpott " von Stefan Wallwitz stärken.

Nach eineinhalb überaus interessanten Stunden – bei weitem nicht alles ist hier darstellbar – machte Helmut Hehne aufs " nächste Mal " neugierig. Dann heißt es : "Als es noch die alten Straßen gab".